Sonntag, 12. Juni 2016

Sommerferien in Schottland

Hin und wieder stösst man auf alte Texte anderer Autoren und empfindet diese als so originell, das man sie eigentlich einem interessiertem Publikum wieder zugänglich machen möchte. 
In Velhagen & Klasings Monatsheften von 1910 / 1911 fand ich diese unterhaltsame Reisebeschreibung von Heinz Grevenstett. Wunderschön bebildert mit Originalaufnahmen von Charles Reid.


Aufbruch zur Fuchshetze
„... Und wenn Sie Ihr Weg einmal nach Schottland führt, so sollen Sie uns in unserem shooting box willkommen sein!“ sagte in London der Hausherr zu mir, als ich mich nach dem Dinner verabschiedete.
Die Deutschen lassen ähnlich klingende Einladungen auf unbestimmte Zeit alljährlich in der Sommerfrische zu Dutzenden ergehen. Es empfiehlt sich, ihnen nicht zu folgen, denn das plötzliche Auftauchen eines Logiergastes kann selbst im besteingerichteten deutschen Heim zu dramatischen Verwicklungen führen. Die Einladung war nämlich gar nicht ernst gemeint, sie war nichts weiter als eine Höflichkeitsphrase.
Anders in England. Der Brite ist Fremden gegenüber, die er im Hotel oder bei Geschäftsabschlüssen kennen lernt, von einer fast an Ablehnung mahnenden Zurückhaltung. In seinem ganzen Dasein macht er auf Reisen nicht soviel „reizende“ Bekanntschaften, wie jedes Mitglied einer vierköpfigen deutschen Bürgerfamilie während eines fünfwöchigen Ferienaufenthalts. Aber den ihm durch Freunde Empfohlenen gegenüber ist er von einer großzügigen Gastfreundschaft.

West Highland Terriers

Im allgemeinen sind ja seine Daseinsbedingungen leichter, ist seine Lebensführung gehobener als die derselben sozialen Stufe des deutschen Vetters. Und noch eines erleichtert es ihm wesentlich, Fremde in seinem Großstadthaus oder Sommerheim als Gäste für Tage oder Wochen aufzunehmen: alle Engländer der guten Klassen haben von Kindheit auf dieselbe Tageseinteilung, die nämlichen Lebensbedingungen, die gleichen Gewohnheiten. In der ganzen Welt, wo immer ein Engländer weilt, in Indien wie in Kanada, in Sansibar wie in Kairo, gelten dieselben häuslichen und kulinarischen Gesetze. Nach dem Morgenbad wird das grundlegende Breakfast genommen. Jeder Hausgenosse erscheint dazu innerhalb eines Spielraums von etwa anderthalb Stunden, setzt sich seine Mahlzeit nach eigener Wahl aus den bereitstehenden Schüsseln mit Fisch, Geflügel, Porridge, Speck, Eiern zusammen — und ist hernach sein eigener Herr bis zum Dinner. Ob er am Luncheon um 1 Uhr teilnimmt, am Tee um 5 Uhr, das bleibt ihm überlassen. Hauptsache: um 7 oder halb 8 Uhr muss er in Frack und Lack und frischer Wäsche antreten, frischgewaschen, frischrasiert, gutgelaunt, gewillt, für den Feierabend alle Sorgen zu verabschieden und sich der festlichen Mahlzeit, den festlich gekleideten Ladies, vielleicht auch einer Partie Bridge oder einem improvisiertem Tanz zu widmen.

Rotwild in Arran

Ist man im schottischen Hochland zu Gast, so gehören die Stunden zwischen Frühstück und Hauptmahlzeit natürlich der Jagd. Rotwild, Damwild, Füchse und Hasen, vor allem die „Grouses“ werden gejagt. Wenn die Jagd auf die „Grouses“ — das schottische Moor- oder Birkhuhn — aufgeht, um den 12. August, dann entleeren sich die fashionablen Bäder längs der ganzen Küste; der Londoner Season, die schon in den letzten Zügen lag (bekanntlich tanzt man in London zur Winterszeit nicht halb soviel, wie zur Zeit der Garden-Parties“, ist mit einem Schlage der Garaus gemacht; die großen Behörden gehen in die Ferien, und in der ganzen Welt tritt die Ruhe der Sauregurken-Zeit ein: die englischen Diplomaten ziehen mit der Büchse hinter den Jagdhunden her, ebenso wie die Börsenmagnaten vom Hyde-Park-Corner a´la Rothschild, ebenso wie die sonst ewig hinter dem deutschen Wetter herhetzenden Federhelden der großen Londoner Tagespresse. Es ist die tote, die toteste Zeit des Jahres, in der absolut nichts Aufregendes im Weltgetriebe geschehen darf, weil man weit Wichtigeres zu tun hat, es ist die Zeit „dead as a doornail“.
Aber auf den entlegensten Bahnstrecken, den weltabgeschiedensten Landstraßen von Schottland herrscht jetzt ein Leben und Treiben ganz besonderer Art. In Schottland gibt es nur erste und dritte Wagenklasse. Der Uneingeweihte wird in diesen Sommerwochen die Insassen der beiden Klassen nach ihrem äußeren Eindruck sozial kaum auseinanderhalten können. Für das männliche Geschlecht gibt es nur eine einzige Tracht, ob Millionär oder Büchsenspanner, Minister oder Student: den Sportsanzug aus schottischem Homespun mit Kniehose und Sportmütze. Diese hausgewebten, meist kleinkarierten Wollstoffe sind von einer unerhörten Dauerhaftigkeit. In ihren armseligen Crofts, in den unfruchtbarsten, nördlichsten Gebieten des großen Königreiches, sitzen die Verfertiger an denselben Webstühlen, auf denen schon vor Jahrhunderten das Webeschiffchen hin- und herging; neue Muster, neue Farben, neue Abmessungen bei ihnen durchzusetzen, ist den Bestellern ganz unmöglich. Wiederholt hat sich der armen schottischen Weber die öffentliche Wohltätigkeit angenommen, um ihnen durch Ausmerzung des Zwischenhandels besseren Verdienst, bessere Lebensbedingungen zu verschaffen.

Englische Setters
Es gehört in den hauptstädtischen Gesellschaften 
zum guten Ton, solche Bestrebungen zu unterstützen. Die „Scottish Home Industries Association“, die den Verkehr der Privatkundschaft mit den armen Webern im düstersten Norden von Schottland vermittelt, wird von der Duchesse of Southerland protegiert. Mit Preisunterschieden je nach Farbe oder Muster gibt man sich hier nicht ab. Das Yard, einfach breit, wird mit sechs Schilling bezahlt. Für einen solchen Sportanzug kommt also ein hübsches Sümmchen heraus. Unsere Fabriken in der Lausitz liefern den Engrosgeschäften Stoffe für diese Zwecke zum vierten Teil des Preises. Aber nicht in der gleichen Qualität. Übrigens verlangt sie der deutsche Besteller auch nicht. Der Sportanzug, den ich mir von meiner ersten Schottlandreise mitgebracht habe, hält nun schon sechs Jahre, sieht dabei aus wie am ersten Tag (ebenso unansehnlich, meint mein Harzer Jagdfreund), und ich glaube, er hält noch ein rundes Dutzend Jahre länger. Und ebensolang — fürchte ich — wird ihm der echte schottische Hochlandsgeruch treu bleiben, der sich weder beim Dekatieren, das Spindler besorgte, noch im jahrelangen täglichen Gebrauch bei jeder Art von Sport verfüchtigt hat: diese eigenartige Mischung der Düfte von Schafherden und Torfrauch.
Auch der nässeste Regen ist nicht imstande, dieses dicke, fettige, haarige, dabei ganz leichte Gewebe zu durchdringen. Deshalb tragen es trotz seiner Unansehnlichkeit auch die Damen im schottischen Hochland, am liebsten weiß, d. h. was bei dieser Wolle, die keinerlei chemischen Verfahren unterzogen wird, eben weiß genannt werden kann. In das Einerlei der gelblich-gräulichen Quadrate und Quadrätchen der Sportsanzüge bringt ab und zu nur einmal ein schottischer Hochländer eine Abwechslung. Prachtkerls sind das mit ihren nackten Knien. Der Kilt ist´s, das kurze Röckchen, der die Farbe gibt. Jeder Clan hatte ursprünglich seine eigene Musterung und Farbenzusammenstellung. Das Röckchen vertrat also das Banner oder das Wappen. Auf Meilen hin konnte das gute schottische Auge die Stammeszugehörigkeit der am Horizont auftauchenden Kämpen feststellen. Wenn man bisher unter „schottisch“ nur ein quadriertes Mischmasch von rot, grün, blau und gelb verstanden hat und in Oban oder Inverneß in einem der großen Spezialgeschäfte das Musterbuch, geordnet nach den alten Clans, vorgelegt erhielt, dann überkommt einen ein heiliger Schauder bei der Vorstellung, diese Möglichkeitskette bis in die letzten Glieder verfolgen zu sollen. Zum Glück verlangt das kein Mensch.
Zu der sportlichen Ausrüstung all der Gentleman und Ladies, die auf den schottischen Eisenbahnen ihren Jagd- und Fischrevieren zurollen, gehören aber noch unzählige andere Gegenstände, die der Mehrzahl der Mitteleuropäer sonst völlig unbekannt sind. Kein Sportangler, der sich nicht mit Gummihosen oder Gummistrümpfen versähe. 

Der Haken wird von der gefangenen Forelle entfernt
Beim Lachsfang, beim Forellenfang heißt es oft, stundenlang bis über die Knie im eisigen River stehen. Der praktische Engländer verlässt sich nicht auf getrantes Schuhzeug, das schon nach einer halben Stunde durchlässig zu werden beginnt. Er lässt sich die Prophylaxis gegen Rheuma lieber eine Stange Gold kosten. Denn nichtswürdig kostspielig sind all diese Sachen. Freilich benutzt er sie auch ein halbes Menschenalter hindurch. Billige Basarware kennt der Engländer nicht. Er kauft immer teuer und gut und haltbar. Aber wie hütet und pflegt er seine Ausrüstungsstücke und Jagdhelfer auch! Vor allem die Jagdflinten, die Angelruten! Und dann gar — die Jagdhunde!
Die über Edinburgh hinaus nach dem Norden fahrenden Züge beherbergen täglich ganze Meuten der prächtigen schwarz-weiß gefleckten, echten englischen Setters oder der spitzohrigen West Highland-Terriers und der Pointers. Die Fuchshetze freilich auf dem Vollblüter hinter der kläffenden Meute ist im Norden von Schottland nicht zu Hause. Aber auf den Inseln im Westen, wo die reichen Glasgower ihre Jagdbesitzungen haben, wo das herrliche irische Pferdematerial zur vollen Entfaltung all seiner glänzenden Eigenschaften kommt in
Sprung und Galopp. Aus der eigentlichen Reitkunst, dem „versammelten Reiten“, macht sich der Engländer ja überhaupt nichts. Hindernisse nehmen und kantern, das ist kein Pläsier. Im Schritt lässt er das Pferd latschen, der Trab langweilt ihn. Jenseits des Caledoniankanals, der von Südwest nach Nordwest, oberhalb des „Hochlandes“, ganz Schottland durchschneidet — von Oban, der fashionablesten aller Sommerfrischen, gegenüber den Inseln Staffa und Jona, bis nach dem rosenroten Inverneß — jenseits dieses Riesenkanals beginnen die unendlichen Heide- und Moorstrecken, auf denen die Löcher und die Unwegsamkeit seinen rechtschaffenen Galopp mehr ohne Gefahr für Reiter und Pferd zulassen.

Ein erschreckter Hirsch (Im Jagdgebiet von Arran)
















Mein Gastfreund hat vom Duc of Sutherland das ansehnliche Stück Land auf 99 Jahre gepachtet. Er hat es in dem Urzustand bekommen, den es zu Zeiten des vielbesungenen Prince Charlie gehabt haben mag. Da gab es weder Weg noch Steg. Jetzt durchzieht es eine famose Automobilstraße, die der Pächter auf eigene Kosten hat herstellen lassen.
„How do you do?“ — Am Bahnhof lädt uns der Hausherr in sein Auto von 32 PS, der Diener verstaut das Gepäck in den Jagdwagen. Dann geht´s los. In ein paar Windungen durch das kleine schottische Städtchen, darauf den nächsten Hügel hinunter, über den River, wieder links, dann rechts, eine endlose Rampe empor und in kühnem Bogen weiter...
Das surrt und rauscht und klingt... Es sind fünfzehn englische Meilen, d.h. vierundzwanzig Kilometer, polizeiliche Tempobeschränkungen gibt’s nicht. So wird denn eine gute Pace vorgelegt. Der flinke Jagdwagen trifft erst zwei bis drei Stunden später ein.
Während der Fahrt schon ahnt man den Reiz, den diese melancholische, über und über rot brennende Heide ausüben kann. So jammervoll die kleinen Crofts auch sein mögen, die hie und da am Wege auf dem unfruchtbaren Land stehen, so weltverlassen weit uns die Fahrt emporgeführt hat.
Da und dort ein Büchsenschuss — eine der Jagdpartien unseres Gastfreundes — mitten im River ein paar andere seiner Logiergäste, die dem Lachsfang, dem Forellenfang seit dem frühen Morgen obliegen, gestärkt nur durch den mundfertig mitgenommenen ein Uhr Imbiss. Sonst auf vielen, vielen Meilen kein lebendes Wesen.

Lachsangeln im Arvanflusse

Man belächelt innerlich schon die großen Koffer, die der Jagdwagen in großer Respektfrist hinterdrein schleppt.
Aber sobald uns das Haus aufgenommen hat, sehen wir, dass hier draußen derselbe selbstverständliche Komfort herrscht wie in der Weltstadt. Jedes Ehepaar hat sein für sich abgeschlossenes kleines Etablissement: der überaus bequeme Toilettentisch zeigt der ankommenden Dame sofort, dass ihr zum Dinner erlaubt sein soll, sich so schön als möglich zu zeigen.
Und das ist von nun an Abend für Abend ein gesellschaftliches Ereignis nach der sportlichen Ungebundenheit des Tages: im Drawingroom am Kamin, der mit Torf geheizt wird, versammelt sich die fröhliche Gästeschar; die tausend Jagdabenteuer bieten immer neuen Stoff zum Plaudern und Necken; man hat die manchmal geradezu unheimliche Beute dieser und jener Jagdpartie drüben im Jägerhause bestaunt, es werden für den nächsten Tag neue Verabredungen getroffen, je nach Verfügbarkeit der Jagdwagen. Denn nicht jede Jagd kann vom Hause aus ihren Anfang nehmen. Zum See, der die schönsten Forellen aufweist, zu dem flinken Fluss, der die vielbegehrten Lachsstellen hat, wird man zwei, drei Stunden flotten Wanderns brauchen. Die Strapaze fürchtet man hier nicht. Aber man geizt mit der Zeit. 

Anschleichen des Wildes

Ich bin am liebsten mit der Jagdflinte hinter der Meute auf die „Grouses“ mitgegangen, aber ab und zu musst’  ich doch auch die berühmtesten Sportangler, die Champions, weit hinaus begleiten und lernte die Passion wenigstens begreifen und die große sportliche Geschicklichkeit bewundern. So, wenn die Schnur ihre dreißig Meter weit durch die Luft sauste, aber an ihrem Ende die „Fliege“, zart wie ein Hauch — wie eben ein federleichtes Insekt — die Wasseroberfläche berührte...
 
Ein schottischer Forellenbach
Schwapp, zuckte es in der mächtigen Rute, die sich sofort bog, es ging ans Aufwickeln des Garns, und der mächtige Lachs war für das Menü des folgenden Tages sicher... Meine „Fliegen“ dagegen pfiffen wie Teschinggeschosse ins Wasser, und die Lachspatriarchen mögen sich über des Fremdlings selbstverräterische Versuche nicht wenig gewundert haben. Ein einziger Mittellachs war meine Ausbeute während der achtstündigen Kampagne. Unser Champion förderte alle zwanzig Minuten einen der silbern schimmernden zappelnden Kerle ans Tageslicht. Unzählige Male warf er dafür die Schnur aus. Es gab auf seinem ernsten Gesicht niemals eine Enttäuschung, aber stets ein kurzes freudiges Aufblitzen in seinen Augen, wenn ihm der Wurf gelang. Keine Jagd konnte ihn so reizen. Das war sein eigentlicher Ferieninhalt: hier bis über die Knie im reißenden River stehen, Tag für Tag, und die Angelschnur auswerfen — energisch beginnend, zart endend, wie ein Hauch.
Wenn die Sonne schien, wenn die rote oder weiße Erika gegen den frischblauen Himmel sich abhob, dann war es am River so ferienschön wie auf allen anderen Jagdpartien. Aber — die wirklich schönen Sommertage sind hier eben selten, sehr selten. Es kann unter diesem Himmelsstrich regnen — regnen! — wie kaum in Interlaken oder Salzburg oder Bergen oder sonst einem der berühmten Orte, wo die Kinder gleich mit Regenschirmen zur Welt kommen. Und wenn es in Schottland regnet, dann ist es ein ganz eigenartiger Regen. Er kommt nicht strichweise, sondern er macht sich gehörig breit, legt sich plump vertraulich über die ganze Insel und deckt sie zu. Nun ist es, als wäre das ganze Land mit Milliarden Bindfäden mit dem Himmel verbunden. Es regnet, regnet. Regnet tagelang, unter Umständen wochenlang. Schließlich ist die Luft so wasserdick, dass man’s glauben würde, sagte einer: es regnet nicht nur vom Himmel herunter, sondern auch von der Erde hinauf!
Aber die Jagd geht fröhlich weiter. Man ist wohlverwahrt, der schottische Homespun ist verlässlich, die Sportangler vervollständigen ihre Gummiausrüstung von unten her durch die Ölzeuge und das Cape, das bis über die Hüften hinunterreicht.

Beobachtung des Wildes durch das Fernrohr
Es werden für die Moorhuhnjagd Manövertage erster Ordnung. Diese sportgeübten britischen Herren und Damen lassen sich durch das Wetter nicht abhalten. Der Regen regnet, in weit auseinandergezogenen Trupps ziehen wir über die Heide, bergauf, bergab, springen über Tümpel, waten durch kleine Bäche. Der Regen regnet. Die Hunde schleichen vor uns her, die Nase in die Luft, ducken sich, alles steht schussbereit — trrüü, da geht die Kette hoch, piffpaff, piffpaff — purzelnd, flatternd kommt mit dem Regen die Beute aus der Luft herab — schon sind die Hunde dabei und apportieren. Und blitzschnell erwischt das Schrot auch ein aufgescheuchtes Häslein, so en passant.
In weitem Abstand folgt der Tross. Ein paar Jagdgehilfen, ein Hundemaster mit dem Teil der Meute, der noch geschont werden soll, ein schottisches Pony, das die schon halb gefüllten Beutekörbe trägt, ein zweites mit den Mänteln und den Paketchen, die den Lunch enthalten.
Ein Uhr. Es regnet natürlich noch immer. Wir sind in eine Art Talkessel geraten. Nun bilden sich Gruppen. Die Mäntel werden gebracht. Man wickelt sich ein. Immer vier Jagdteilnehmer, Männlein und Weiblein, nehmen dos-a’-dos auf dem nassen Heideland Platz. Jeder öffnet sein Paketchen und findet ein kleines Glas, Fleisch, Ei, Käse, Kuchen. Einer vom Jagdgefolge wandert mit der Whiskyflasche rundum und füllt die Gläschen — falls sie ihm hingehalten werden. Es gibt merkwürdigerweise Leute, die selbst unter solchen Umständen ihr antialkoholisches Gelübde band. Ich danke meinem Schöpfer, dass mich kein Gelübde band. Aber gebrochen hätt’  ich’s da oben sicherlich. Der brennende, rauchig schmeckende, alte Whisky rollt durch das ganze Gebein, es ist herrlich. Er trocknet innerlich. Denn der Regen ist nun ja doch durch den Homespun eingedrungen. Und durch die Haut...
Oder ist das physikalisch unmöglich?...

Der Jäger prüft das apportierte Haselhuhn
Alles ist Regen, alles, alles, alles. Der Boden, die Luft, der Himmel, das Hühnerkeulchen, das ich abknabbere, schmeckt nach Regen. Trocken und warm ist einzig der Whisky. Ach was, ich lasse mir noch einen zweiten einschenken. Und darauf die komischste Anstrengung, die abenteuerlichste Verrenkung, um unter dem Cape oder dem Mantel Feuer zu bekommen und das Holzpfeifchen in Brand zu setzen. Da und dort pafft einer schon. Nur zwei, drei Züge, dann löscht es der Regen. Aber die Whiskywärme in Verbindung mit der brenzligen Monrose-Ahnung auf der Zunge stärkt für den zweiten Teil der Kampagne. Frische Hunde werden ausgesucht, dann geht es weiter. Der Regen regnet, es geht bergauf, bergab, über Tümpel, durch Bäche; der Regen regnet, und die wundervollen, schwarzweiß gefleckten Setters schleichen geduckt, den Kopf einziehend, die Nase hebend, vor uns her. Und es regnet, regnet, regnet...
Es ist längst fünf Uhr vorbei. Wir sind fünfzehn Kilometer vom Hause entfernt. Weit, weither schlägt da ein Huppensignal an unser Ohr. Da drüben muss die Straße sein. Mein Goerzglas heraus. Und nun geht bald ein fröhliches Winken los. Die Jagd wird abgebrochen. In zwei, drei Partien bringt das Auto, besetzt bis zum letzten Notplatz, die Gesellschaft heim. Es kommt dem zweiten Trupp nach einer halben Stunde, dem dritten nach einem Viertelstündchen schon wieder entgegen.

Der erlegte Hirsch wird auf einem schottischen Pony heimgebracht






















Zu Hause begibt man sich, wenn die Beute im Jägerhaus abgeliefert und gründlich besichtigt ist, zunächst in die geräumige Stiefelkammer, einen der wichtigsten Räume eines komfortablen shooting box. Hier werden die Gamaschen, die dicksohligen Stiefel abgelegt. Ein Angestellter reicht in einem gastfreien Hause kaum aus, um die Riesenaufgabe zu bewältigen: all das Lederzeug bis zum nächsten Morgen wieder gebrauchsfertig zu machen.
Und nun das herrliche Bad. Nach keinem noch so strapaziösen Korpsmanövertag kann einen ein unversehens statt des geplanten Biwaks erwischtes Sektnotquartier so wundervoll anmuten. Ein kleines Stündchen später findet sich die ganze eingeregnete Gesellschaft im Drawingroom wieder zusammen. Die ausgesuchten Leckerbissen bringt jeden Tag das Automobil vom Londoner Expresszug. Alter Portwein, „Hock“ und Champagner hält die fröhliche Stimmung fest. Die Fenster werden geöffnet. Der Regen regnet noch immer.
Aber das kümmert uns jetzt nicht. Der Hausherr hat eine Überraschung für uns. Schottische Dudelsackpfeifer wandern draußen auf und nieder. Bald näher, bald ferner klingen die melancholischen Weisen durch den gleichmäßig plätschernden Regen. Ein Diener muss ein paar große Wassergläser bringen, eigenhändig füllt sie der Hausherr mit Whisky und schickt sie den Leutchen hinaus. Die vom Kontinent sehen mit einigem Entsetzen den Umfang dieser feurigen Spende. Aber was so eine richtige schottische Dudelsackpfeiferskehle ist... Und der Regen ist so nichtsnutzig nass...
Anderen Tags aber strahlt die Sonne. Und nun beginnt eine märchenhaft schöne Zeit. Schon liegt die herbstliche Klarheit über der Landschaft. Das wunderbare Farbenspiel der Heide beginnt. Jeder Tag ein Gottesgeschenk.

Pointers auf der Suche
Das Bild der Gästeschar wechselt. Man lädt nach guter alter englischer Sitte auf eine bestimmte Zeit. Der Gast weiß: dann und dann soll über Dein Zimmer wieder verfügt werden. So gibt es kein geniertes Erwarten: wird man Dich noch nötigen zu bleiben? Und keine Unsicherheit: störst Du auch nicht?
Sonnabends und Sonntags wird nicht gereist. Von Sonnabend abend sechs Uhr bis Montag früh sechs Uhr geht keine Eisenbahn in Schottland (nur die beiden großen Durchgehenden Züge machen eine Ausnahme), in dieser Zeit wird kein Briefkasten geleert, keine Post, keine Zeitung bestellt. Es herrscht Sonntagsfriede im ganzen Lande. Zuerst meint man: aber das geht ja gar nicht. Bald sieht man, wie gut es geht. Es wird freilich in dieser Bummelruhe, wie manche wissen wollen, manchem Old Whisky mehr, als des Regens wegen nötig, der Garaus gemacht. Aber es ist auch der Tag, an dem man die Millionen Bücher liest, die in Schottland gekauft (nicht geliehen) werden.
Wer es irgend ermöglichen kann, dehnt die Ferien bis in den Oktober hinein aus. Die das unerbittliche Geschäft früher nach London, Edinburgh und Glasgow ruft, machen um so häufiger Gebrauch von den weekend-ticketts. Sonnabend schließen alle Bureaus um ein paar Stunden früher als sonst. Dann beginnt die große Flucht aus den Städten. Und um den Sonntag voll ausnutzen zu können, ist man so klug, die Geschäfte Montags um ein paar Stunden später beginnen zu lassen. Die Heimreise wird nicht wie von den Berliner Vororten Sonntag abends mit übermüdeten Kindern in überfüllten, verqualmten Coupés angetreten, sondern Montag früh.

Der Setter bewacht Büchse und Beute
Flinke Geschäftszüge führen die Herren und die Schüler nach der Stadt, zu bequemer Stunde folgen die Frauen mit dem Dienstpersonal.
Und so ein sonniger, klarer Sonntag im schottischen Hochland zwischen Edinburgh und Glasgow oder noch weiter nordwärts in dem schönen Oban, im rosenroten Inverneß, kann einen unvergesslichen Eindruck geben: man liegt am Meeresstrand, am Flussufer, mitten in der einsamen Heide, man liegt und sinnt und schaut und träumt... Auf Schritt und Tritt ringsumher Erinnerungen an liebe, alte schottische Sagen. Und an Walter Scotts Romane, an „The Lady of the Lake“ und hundert andere uns seit Jugendtagen bekannte Gestalten.
Ich habe in meinem Reisegepäck auch nach Fontanes „Aus England und Schottland“ und Eduard Heycks famoses Bändchen „Maria Stuart“ mitgeführt. Und ich will nur gestehen, sie waren mir bei weitem wertvoller als der Baedecker.

Sonntag, 15. Mai 2016

Pfingst-Gedanken


Die heilige Stunde, Ludwig Fahrenkrog, 1918

Pfingstodem über den Welten.

Und Frühling auf Erden!
Ohne Unterlass erneuern sich ihre Kräfte und jeden Augenblick schöpfen sie aus.
Allüberall ein seliges Sichverschwenden — Frühling auf Erden und Pfingsten ist nahe! Das Fest jenes Geistes, der Sphären und Welten durchflutet in uraltem Erneuern, den keine Vorstellung erfassen kann, und dem unser Erdgedanke keine Formen zu geben vermag. Der Allgeist, vor dem die menschliche Erkenntnis allzu oft versagt, zerflattert — denn Erdenschwere hemmt — und der Staubgeborene vermag den Geist nicht zu begreifen, der ihn allein in abstraktem Wesen umfängt.

„Nur in Gedanken vorhanden“ — also nicht fassbar, sichtlich, und doch nimmt dieses Lebensgeistes Weben in jedem Atemzuge irdisch verständliche, greifbare fassliche Formen an. Das Walten und Werden der alten Erde, der Meere und Sterne ewiges Wallen, das lebendig bewusste Ineinandergreifen der Kräfte des Weltalls, — der sterblichen Menschheit unsterbliche, stärkste Schöpfungen, das leidvolle Hohelied der Elternliebe und all der reinen Dichtkunst immer neues Tönen — des „Heiligen Geistes“ Formen sind sie alle, sein Odem wallt und webt und schafft aus ihnen, — wie an des Weltalls erstem Werdetage auch.

Und wen der Geist der Pfingsten ganz durchflammt — bezwingt zwei dunkle Mächte in sich, über sich: dumpfer, lähmender Trägheit erdrückende — und schweren Todes fahle Dämmerungen.
Unermessliches — der Geist allen Erkennens lehrt es überwinden, was unerforschbar scheint, in ihm wird es durchgründet. Und der urewige Lebensodem, der in unerfasster Müdelosigkeit schaffend durch Äonen wallt, — lehrt auch das in uns, was wir „Seele“ nennen müssen, — frei von Raum und Zeit, — eine unzerstörbare Brücke in Ewigkeiten hinein errichten, — in Ewigkeiten, die er durchflutet, und in deren zeitenlosem „Immer“ uns das reifen muss, was uns keine irdischen Geisteskräfte begreifen lassen: die Erfüllung allen Seins und  — die Erkenntnis.


15. Mai 1910, Hamburgischer Correspondent
(Hamburger Staatsarchiv / 741-4_S 12917)
 

Freitag, 29. April 2016

Publikationen


Der Markt für Publikationen von Elinor dürfte jetzt leergefegt sein. Hier eine kleine Auflistung meiner Schätze.

1902 - Gedichte
1913 - Hamburg und sein Wirtschaftsleben
1914 - Fragezeichen des Lebens
1914 - Hamburgs Börse 
1931 - Maria am Spinnrocken

Desweiteren kann ich nun die 1910 in Velhagen & Klasings Monatshefte veröffentlichten Noten zu "Ein Weihnachtslied" mein eigen nennen. Es wurde von Wilhelm Kienzl komponiert und ist als Gedicht in der kompletten Fassung auch in dem Monatsheft "Der Türmer" von 1931 unter dem Titel "Maria am Spinnrocken" veröffentlicht worden.